Die jüngste Gemeinde La Palmas
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Tazacorte von den Bewohnern liebevoll „Paris chiquito" - „Klein-Paris" genannt - ist wie eine alte Dame, die mit modisch geschnittenen rosaroten Haaren, an den schmalen faltigen Händen reich an Brillantringen geschmückt, im meerblauem Kostüm, auf hochhackigen bananengelben Schuhen, einsam aus dem Fenster ihres frisch renoviertem Palacios suchend nach den Gästen blickt.
Früher pulsierte in Tazacorte das Leben. Die Einwohner galten als sehr modebewusst. Abends fuhr die Bevölkerung aus Los Llanos und El Paso nach Tazacorte, um auf der Promenade auf und ab zu spazieren, sich zu unterhalten. Viele der besten palmerischen Musiker stammten aus Tazacorte. Die schönsten Faschingsveranstaltungen spielten sich bis vor zehn - fünfzehn Jahren noch auf den Straßen von Tazacorte ab. Anscheinend ist Los Llanos dem guten Tazacorte im wahrsten Sinne des Wortes, über den Kopf gewachsen. Es heißt, dass die Einwohner von Tazacorte etwas langsam wären, aber in Beziehung Sport kann man ihnen nichts vormachen. Die Fußball-Jugendmannschaft ist über die Kanarischen Inseln hinaus bis zum Festland bekannt. Jedem La Palma Besucher ist anzuraten, nicht einfach durch Tazacorte hindurch zu brausen, um an den Strand von Puerto de Tazacorte zu gelangen. Es ist sinnvoll, sich Zeit zu nehmen für Einblicke in die Vergangenheit der Insel und kleine verborgene Schätze der Gegenwart zu entdecken. Schließlich war es an der Küste von Tazacorte, als im September 1492 unter dem Kommando des Alfonso Fernadez de Lugi , die kastellanischen Truppen landeten, um mit List und Tücke die Eroberung der Insel einzuleiten. Immerhin zur Erinnerung an den tapferen Guanchenhäuptling „Tazo", der im Kampf fiel, erhielt die Gegend den Namen aus der Ableitung „Tazo und Corte" - der Hof des Tazo. Der Landstrich um Tazacorte, wasserreich von der Caldera mit herrlich warmen Temperaturen rund um das Jahr, eignete sich hervorragend für den damals so begehrten Zuckerrohranbau. Die Leute von Tazacorte erhielten deshalb auch die scherzhaft volkstümliche Bezeichnung: Baganates (Zuckerrohre). Die Geschichte lässt auf eine „deutsche" Vergangenheit blicken. Ein Konkurrenzunternehmen der berühmten Augsburger Fugger, ein Welser-Familien-Handelshaus kaufte im Jahre 1509 große Teile des Aridane-Gebietes auf. Doch die Welser verloren alsbald ihr Interesse an der fernen Insel und verkauften die Plantagen an den Kölner Kaufmann Johann Byse und dessen Neffen Jakob Groeneberg. Der Neffe übernahm den Besitz ganz in seine Hände und erzielte alsbald profitable Gewinne. In Antwerpen, wo der Kölner einen Kontor unterhielt, wurde er als „Heer van Canarien" bekannt. Jakob Groeneberg zog ganz nach La Palma und ließ sich in Tazacorte unter dem spanisch klingenden Namen „Jakob de Monteverde" nieder. Einige der schönsten Patrizierhäuser in Tazacorte erzählen noch heute von dem Reichtum der Monteverdes und anderer flämischer Dynastien. Im Jahre 1570 war eine Gruppe von Jesuiten mit dem Schiff Santiago als Missionare von Lissabon nach Brasilien unterwegs. Sie machten Halt im Hafen von Tazacorte. Pater Acevedo wollte die Gelegenheit nutzen, seinen alten Studienfreund, der von der wohlhabenden Familie der Monteverde abstammte, zu besuchen. Dieser lud die Gruppe von 40 Mönchen ein, bei ihm in seinem Haus für einige Tage zu wohnen. Bei einer Messe, die der Pater in der Wallfahrtskapelle San Miguel hielt, wurde dem frommen Mann das nahende Martyrium offenbart. Abdrücke seiner Zähne im silbernen Kelch zeugten von seiner Ergriffenheit dieser Vision. Noch heute wird das Gewand, das er an diesem Tag trug, in der Kirche aufbewahrt. Am 13. Juli stach die Santiago wieder in See, doch die Mönche hatten Pech. Eine Flaute ließ sie zwei Tage vor der Küsten von Fuencaliente dümpeln. Angelockt von den Kirchenschätzen, die für Brasilien gedacht waren, griff der Pirat „Jacques de Sores" das Schiff an. Grausam wurden die armen Missionare gefoltert, verstümmelt, ermordet und ihre Leichname über Bord geworfen. 40 Kreuze erinnern unter Wasser im Meer stehend an diese Tragödie. Für einen Rundweg durch Tazacorte würde ich anraten das Auto in der Nähe der Tankstelle mit dem sagenhaften Meerblick, ganz in der Nähe der Promenade an der Avenida la Constitución zu parken. Der Blick auf die weiten grünen Bananenfelder gilt gleich als Einladung, die Promenade Richtung Puerto Tazacorte, entlang zu spazieren. Dabei können Sie die hübschen bunten Häuser mit ihren Balkonen an der Hauptstraße bewundern. Folgen Sie dem Wegweiser links abbiegend zum Museo del Plátano. Hier unterhalb des jetzigen Ortskerns, „El Charco" genannt, entdecken Sie die alten Herrenhäuser. „La Casa Massieu", mit seinem kleinen Park, ist ein kleiner Abstecher wert. In den letzten Jahren wird es vermehrt für Kunstausstellungen genutzt. Gegenüber sehen Sie das Casa Monteverde, das sich immer noch im Privatbesitz befindet und weiter unterhalb der Gasse befindet sich ein weiteres Bauwerk der Familie Monteverde mit einer Tafel, die an die 40 Märtyrer erinnert, die hier übernachteten. Bald erreichen Sie das Museo del Plátano. Geöffnet Montag bis Freitag von 10.00 - 13.00 Uhr und von 16.00 - 19.00 Für die vielen Informationstafeln auf Spanisch und Englisch benötigt man Zeit und Ruhe zum Lesen . Das Betrachten der alten Bilder gibt Einblick in die Geschichte mit kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Hintergründen. Das Museum ist klein, doch eine gute Anregung, in die Bananengeschichte einzutauchen. Vielleicht fragen Sie sich am Ende, welche Zukunft hat der Bananenanbau auf La Palma? Auf dem Rückweg zur Plaza de España kann es sein, dass Sie ein paar Touristen begegnen, die mit Badetaschen und Sonnenschirmen ausgerüstet, den Fußweg (etwa 30 Minuten) zum Strand von Puerto de Tazacorte folgen. Liebenswert ist, dass die Einwohner von Tazacorte ihre Rentner ganz zentral im Zentrum, an der Plaza de Simon Guadalupe untergebracht haben. Ein Brunnen ziert den Platz mit einem Denkmal an Doctor Morales Pérez. Gleich nebenan befindet sich die erste Kirche, die auf der Insel erbaut wurde, im Jahre 1513 zu Ehren von San Miguel Arcángel - die Sankt-Michaels-Kirche. Beeindruckend sind die großen Bilder im modern integrierten Anbau, die die Geschichte von Tazacorte einbeziehen. Hinter der Kirche führen kleine Gassen an alten kanarischen Häusern entlang zu einigen entlegenen Plätzen mit plätschernden Brunnen. Mediteran wirken die bunten Farben der Fassaden, die mit Blumentöpfen bestückten Fenster und Balkone. Unzählige Pflanzentröge ersetzen den Garten vor der Eingangstüre zum schmalen Hausflur. Wer auf Kleinigkeiten achtet, wie alte Türknäufe oder kleine blumengeschmückte Wandaltäre, bekommt Lust zum Fotografieren oder sogar den Pinsel zu zücken. Vielleicht könnte ein Künstlerstrom das „Paris chiquito" wieder zum Leben erwecken. Die Honoratioren der Stadt versuchen auch ihr Möglichstes. Beeindruckend ist der rosafarbene Anstrich des Ayuntamientos. Gleich links und rechts im Gebäude befindet sich die Post und die Polizei. Gegenüber - mitten im Kreisverkehr - kämpft der Heilige Michael als beeindruckende Brunnenfigur. Ein kleiner Schandfleck ist das Gebäude mit dem Supermarkt San Martin, doch dafür wurde der halbrunde Platz gegenüber farbenprächtig mit Mosaiksteinsäulen geschmückt und wartet auf Vollendung. Ihr Spaziergang durch Tazacorte könnte jetzt mit einem Kaffee in den typischen Bars, Schulter an Schulter mit den Einheimischen, im Rücken den laufenden Fernsehapparat, beendet werden. An Restaurants hat Tazacorte leider nicht viel zu bieten. Als besondere Empfehlung sollte jedoch das neu eröffnete „Carpe Diem" (im ehemaligen Oveja Negra - Schwarze Schaf) in der Fußgängerzone, Calle Nueva 16, erwähnt werden. Wer noch eine Abkühlung benötigt, kann das öffentliche unbeheizte Schwimmbad kostenlos benutzen. Es liegt hinter dem Rathaus und ist leicht zu erkennen. Feste in Tazacorte Mitte September beginnen die Feierlichkeiten zu Ehren von San Miguel. Besonders originell ist der Tanz der „Caballos Fufos" - halb Pferd, halb Mann - mit Musik begleitet springen sie durch die Straßen. Der krönende Abschluss der Festivitäten ist am 29. September, der Tag von San Miguel, mit einer Prozession und anschließendem atemberaubenden Feuerwerk.  Text von Ulrike Leibing - La Palma / Las Norias |




